Blaubart-Variationen

Klassisch ist das von Charles Perault (1628-1703) überlieferte Märchen. Es ist die Zeit, in der die Frauen standesgemäss verheiratet wurden und zu gehorchen hatten. Weibliche Neugier und Gehorsam vertragen sich jedoch nicht, so dass Blaubarts Ehefrauen den Tod erleiden mussten. Nur der letzten gelingt, wie halt im Märchen üblich, die Rettung: ihre beiden Brüder treffen rechtzeitig zur Befreiung ein. Blaubart wird getötet und die Geschwister geniessen seinen Reichtum. Soweit das Märchen.

Weniger bekannt die Satire Friedrichs des Großen, 1779 erschienen. Für ihn ist Blaubart der Teufel, der die armen Frauen, die weniger stark als die Männer sind, zum Bösen verführt. Die rettenden Ritter sind Gott der Sohn und der Heilige Geist, zusammen mit dem Logos die Dreieinigeit. Mit aufklärerischer Schärfe schmäht Friedrich die gelehrte katholische Tradition. Der glückliche Ausgang des Märchens wird bei ihm zum Sieg der römischen Kirche und des Papsttums.

Peter Rühmkorfs (1929-2008) Parodie hingegen will nicht belehren. Bei ihm tötet Blaubart die Frauen aus einer nicht abgelösten Mutterbindung heraus. Rühmkorf spielt das Spiel, was wäre wenn … Die letzte Ehefrau, Anna von Calvados, ist nur begrenzt oder vielleicht auch systematisch neugierig. Bevor sie das verbotene dreizehnte Zimmer betritt, hat sie zunächst die anderen 120 Kammern und Säle durchwühlt. Als sie das verbotene Zimmer betreten will, in dem Blaubart verzweifelt und fast verhungert zum Töten bereit wartet, kommen die rettenden Brüder mit „hundert Gallonen vom feinsten Apfelwein“. Sie wollen ein Winzerfest feiern und ihre Schwester zur Äppelwoikönigin küren: „Blaubart komm heraus, sonst versaufen wir dein Haus.“ Mittlerweile ganz grau geworden, tritt Blaubart vor das Haus, und niemand erkennt ihn.

Klaus Süss, Jahrgang 1951, schafft kraftvolle, expressive Figuren in starken Farben. Alle seine Buchillustrationen enthalten charakteristische Details der Erzählung. Linol- und Holzschnitte sind seine bevorzugten Medien. Die Technik der verlorenen Form beherrscht Klaus Süss wie kein Zweiter. Der Druckstock wird geschnitten und in der ersten Farbe gedruckt. Dann wird der Druckstock weiter bearbeitet, zu druckende Fläche weggenommen und mit einer zweiten Farbe überdruckt. Je nach Anzahl der Farben wird dieser Vorgang mehrmals wiederholt. Am Ende besteht der Druckstock nur noch aus der Druckfläche für die letzte Farbe. Damit ist der Druck nicht wiederholbar, was höchste Anforderungen für die konzeptionelle Vorbereitung des Bildes bedeutet.

Blaubart. Das Märchen. Die Satire. Die Parodie. Mit sieben Holzschnitten von Klaus Süss. 19. Leipziger Druck. Herausgegeben von Herbert Kästner. Leipzig, Leipziger Bibliophilen-Abend, 2009. 45 S. Mit 6 signierten ganzseitigen Farbholzschnitten von Klaus Süss im Text, ferner 1 signierten lose beiliegenden Farbholzschnitt, 1 Farbholzschnitt auf dem Einband. 4° (39,5 x 30,5 cm), farb. illustr. Leinenband in Blockbuchbindung, mit Silberschnitt, in OLeinenschuber. 800,00 €

Enthält: Charles Perrault, Blaubart; Friedrich der Grosse, Das Buch Blauart. Eine Satire; Peter Rühmkorf, Blaubarts letzte Reise. – Die Farbholzschnitte in der Technik der verlorenen Form. – Eines von 10 röm. num. Exemplaren der Vorzugsausgabe (GA 180). Impressum von Klaus Süss und dem Gestalter Thomas Glöss sign. – Tadellos erhalten.

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