Udo Lindenberg: „einfach nur zusammen sein“

Nach drei Jahrzehnten verblassen die Ereignisse im kollektiven Gedächtnis. Bis zum Mauerfall mussten „Bürger der BRD“ und „Westberliner“ – ein Wort und ohne Bindestrich – die „Hauptstadt der DDR“ um Mitternacht verlassen haben. Bürger anderer Staaten erhielten ein Visum für 24 Stunden. Udo Lindenberg, geboren 1946, setzte sich mit den Mitteln von Rock und Provokation für die deutsche Einheit ein, als viele diese noch für ein Hirngespinst hielten. In schnoddriger Sprache erzählt er eine alltägliche Geschichte: Ein junger Mann aus dem Westen lernt in Ostberlin eine junge Frau kennen, und wie groß der Herzschmerz auch sein mag, vor Mitternacht hatte seine Ausreise zu erfolgen.

Die Bilder und auch die Verse von Lindenbergs 1973 entstandener Ballade sind zu großen Teilen mit dem Text der DDR-Verfassung von 1968 typographisch unterlegt. Anders als die vorhergehende zementiert diese die Sichtweise von zwei deutschen Staaten, die jeweils antagonistische Gesellschaftssysteme repräsentieren sollten: hier Völkerverständigung und friedliebender Sozialismus, dort kriegstreiberischer Imperialismus. Kulturelle Annäherung konnte Aufruhr verursachen. Rockkultur galt als gefährlich. Sie scherte sich nicht um Konventionen und ignorierte die Denkschablonen der SED-Oberen. Wie vor den Rolling Stones hatten die verknöcherten Funktionäre Angst von Lindenbergs Panikorchester.

Die Bilder erzählen die ganze Geschichte: Die junge Frau in FDJ-Uniform ist „ein ganz heißes Mädchen aus Pankow“, doch der Sonderzug nach Pankow wird durch ein Signal angehalten. Es herrscht politischer Stillstand zwischen Ost und West. Die beiden jungen Leute, sie DDR-bieder, er Punk mit Irokesenschnitt, lernen sich kennen und lieben. Sie träumen von einem Konzert mit Rolling Stones und Moskowiter Balalaikaensemble auf dem Alexanderplatz. Kulturen und Systeme sollen sich auf friedliche Weise versöhnen können. Doch gegen Mitternacht muss er den Gang in den „Tränenbunker“ antreten. Klein ist der ist der sonst so selbstbewusste Punk vor dem allgewaltigen und prinzipiell humorlosen Vopo, der noch schnell eine Leibesvisitation hätte anordnen oder auch die Wiedereinreise hätte verbieten können. Auch wenn die Sonne sozialistisch mit Hammer und Sichel scheint, bleibt das Mädchen untröstlich zurück. Doch die Mauer bekommt Risse, die Wachtürme knicken. Die Wachsfiguren aus dem Politbüro nehmen noch Paraden ab und ignorieren dabei die Zeichen der Zeit. Udo Lindenbergs Hoffnung von 1973 realisiert sich 1989: „einfach nur zusammen sein …“

Lindenberg, Udo und Peter Rensch: Mädchen aus Ostberlin. Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 6. April 1968. Grafiken von Peter Rensch. Berlin, Andante Handpresse, 2020. 48 nn. S. mit 18 ganzs. Bildern, zwei davon doppelblattgroß. Gr.-8° (31,5 x 20,5 cm), Leinen, Fadenheftung.       350,00 €

Eins von 10 Exemplaren der Vorzugsausgabe mit einer Original-Zeichnung auf einer Originalseite der Verfassung der DDR von 1968. – Druckvermerk von Peter Rensch signiert.

 

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