Kein Märchenbuch!

Ralph Schippan: Zeit, diese Märchen festzuhalten. Über Erstausgaben der deutschen Literatur im Kontext zur Entstehungsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm. Düsseldorf, Puntillo Verlag, 2013,  76 S.

Aus der Bildenden Kunst kennt man es seit langem: Ein Werk wird in den historischen und auch biographischen Kontext seiner Entstehung gestellt. Zunehmend greift dieser Ansatz auf die Buchgeschichte über. Bücher als Marksteine der Literatur- und Geistesgeschichte. Das ist nicht nur bedrucktes Papier zwischen zwei mehr oder weniger ansehnlichen Buchdeckeln. Es ist zwar banal, festzustellen, dass Bücher ihre Entstehungsgeschichte und ihre Schicksale haben. Für das Sammeln von Büchern kann diese Vorgehensweise aber nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Der Verfasser schöpft aus einer seit drei Generationen aufgebauter Sammlung wertvoller Ausgaben. Der Fachwissenschaftler mag einwenden, dass zur Geschichte der Romantik wenig Neues zutage tritt. Das mindert jedoch den Wert dieses anschaulich und kurzweilig geschriebenen Büchleins nicht. Die Gebrüder Grimm waren keine Märchenonkel, sondern Forscher, die, zusammen mit ihren Gesinnungsfreunden, zusammen zu tragen versuchten, was eine nationale Identität in Abgrenzung zur deutschen Kleinstaaterei und zur napoleonischen Besatzung begründen sollte. In den – auch abgebildeten – Büchern manifestieren sich diese Bestrebungen. Nach der Lektüre wird man an den frühen Ausgaben von Herder, Tieck, Arnim, Brentano und natürlich der Grimms nicht mehr achtlos vorbeigehen. Bibliophilie ist nämlich nicht nur die Liebe zum äusserlich schönen Buch. Es ist eine Geisteshaltung, die Vergangenes sich aneignen und bewahren möchte. Den Büchern mit ihrer Patina und ihren Gebrauchsspuren verdanken wir es, dass Vergangenheit anschaulich und nicht nur Theorie ist.

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